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Einleitung

Das Projekt bearbeitet Themen die an der Schnittstelle verschiedener historisch wie politisch aktueller Forschungsprobleme angesiedelt sind: Die Freizügigkeit von Studierenden wie Lehrenden gehört seit der Gründung der ersten Universitäten in Europa zu den funktionalen Grundelement der Organisation von Wissenschaft und akademischer Bildung. Forschung zur Studentenwanderung behandelt somit einen wesentlichen Aspekt der Geschichte von Hochschulen als Lehr- und Forschungsstätten sowie der Hochschul- und Wissenschaftspolitik, der Entwicklung nationaler Hochschulsysteme und ihrer europäischen wie internationalen Vernetzung. Indem sie sich mit einer schmalen Gruppe der heranwachsenden Generation befasst, die Zugang zum Privileg höherer Bildung hatten, greift sie Fragen der Elitenrekrutierung und Elitentransformation auf. Die Studierenden im Ausland wirkten in vielfacher Hinsicht als Agenten des internationalen Wissens- und Kulturtransfers. Sie wurden als Spiegelbilder der zivilisatorischen Leistungsfähigkeit ihrer Heimatländer betrachtet. Die Auseinandersetzung um die „Fremden“ an den Hochschulen, in Deutschland von Zeitgenossen als „akademische Ausländerfrage“ bezeichnet, war Bestandteil verschiedener innenpolitischer Diskurse. Sie wurde im Kontext des Zugangs zu höherer Bildung und daran geknüpfter gesellschaftlicher Aufstiegsmöglichkeiten diskutiert, war Teil der Debatten um das Frauenstudium, wurde von nationalistischen und antisemitischen Kreisen im akademischen Milieu und in der breiteren Öffentlichkeit instrumentalisiert. Im Falle der Rückkehr wirkten Auslandsstudenten als Träger wissenschaftlicher Kenntnisse und professioneller Fertigkeiten, informierten über politische Systeme oder Hochschulmodelle, wurden zu Mittlern von kulturellem Kapital. Damit sind Anknüpfungspunkte an Forschungen zu interkulturellen Beziehungen oder zur historischen Genesis von Fremd- und Feindbildern gegeben. In dem Maße, in welchem Bildung als Element im Wettbewerb der Staaten um politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Einfluss begriffen und in Dienst genommen wurde, ist das Thema auch aus der Sicht zwischenstaatlicher und internationaler Beziehungen interessant. Hinzu kommt, dass die sprunghafte Expansion der Studentenwanderung in Europa Ausgangs des 19. Jahrhunderts entgegen der Betonung nationaler Ziele und Aufgaben von höherer Bildung und Wissenschaft zur Bewahrung transnationaler und multikultureller Bezüge und zur Entwicklung europäischer Strukturen beitrug. Damit ist Forschung zur studentischen Migration im interessierenden Zeitraum auch ein europäisches Thema par excellence.

 

 

Projektverlauf

Den Anstoß zur Beschäftigung mit Fragen der studentischen Migration aus Osteuropa an deutschen Hochschulen vor dem 1. Weltkrieg gab 1999 eine regionalgeschichtliche Studie über einen Streik der Studenten der klinischen Semester an der Medizinischen Fakultät der Universität Halle gegen eine angebliche Bevorzugung ihrer russischen Kommilitonen. In diesem Streik kulminierte  Ende 1912 die Diskussion der sogenannten „akademischen Ausländerfrage“ in Preußen, es folgten drastische Schritte zur Einschränkung des Zustroms ausländischer Studenten.

Mit der Ausweitung des Untersuchungsgegenstandes zunächst auf die benachbarten Universitäten in Jena und Leipzig, später auf Preußen und Sachsen, der Entstehung eines kleinen Teams von Mitarbeitern und erster Kontakte nach Russland und Polen entstand die Frage einer Verstetigung der Forschungsarbeit und ihrer Finanzierung, die durch die Förderung des Projektes seitens der VW-Stiftung für den Zeitraum Dezember 2001 bis Dezember 2003 befriedigend geklärt werden konnte. Als zentrale Fragestellung wurde die Perzeption der fremdländischen Studenten im akademischen Milieu und die Wahrnehmung deutscher Verhältnisse durch die hier studierenden Russländer definiert. Daneben geht es um eine genauere sozialgeschichtliche Beschreibung des Phänomens Studentenmigration, die auf der Basis einer Datenbank erfolgt.

Im Dezember 2000 und im November 2001 fanden in Halle zwei internationale Tagungen statt, die konzeptionelle Ansätze und Zwischenergebnisse diskutierten und neue wissenschaftliche Kontakte herstellten. Sie regten zu einer Ausweitung des Untersuchungsraumes und der Forschungsstrategien an. Im Februar 2002 wurde das Projekt auf einem Seminar (Vorträge einsehen) zur Histoire sociale de l’immigartion an der École normale supérieure (ENS) in Paris vorgestellt. Die Ergebnisse dieser Veranstaltung werden gemeinsam mit den Vorträgen des Kolloquiums in Halle im November 2001 als Sammelband publiziert.

 

 

Zielstellung

Das Vorhaben der Forschungsgruppe „Studentische Migration“ untersucht die Studentenwanderung als ein Phänomen im Wandel von der klassischen akademischen Peregrination zur massenhaften Migration von Studenten in und nach Europa. Der chronologische Kernbereich des Interesses reicht von der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zum 2. Weltkrieg. Die Veränderung des Charakters der Migration fällt in dieser Zeit zusammen mit einem durch technischen und wirtschaftlichen Fortschritt sowie die Modernisierung und Professionalisierung der Verwaltungen überall sprunghaft steigenden Bedarf an qualifizierten Fachkräften, dem beschleunigten Aufbau nationaler Bildungssysteme in den Herkunftsländern der Migration und deren Aus- und Umbau in den Zielländern. Im Mittelpunkt stehen jene Gruppen ausländischer Studenten, die in Deutschland wie in anderen europäischen Studienländern mit hochentwickelten Hochschullandschaften den quantitativ bedeutendsten Teil der Zuwanderung ausmachten bzw. die innenpolitische und innerakademische Diskussion über das Ausländerstudium bestimmten. Im behandelten Zeitraum sind dies in erster Linie Studierende aus Ost- und Ostmitteleuropa sowie aus Nordamerika und Japan. Die Forschungen in Halle gehen von Preußen aus, an dessen Hochschulen der überwiegende Teil der Ausländer im Deutschen Reich studierte und das in den gesamtdeutschen Debatten eine richtungsweisende Rolle spielte. Darüber hinaus sollen auch die anderen Zentren des Ausländerstudiums in Deutschland über vergleichende Studien und die Kooperation mit anderen Kollegen in die Untersuchung einbezogen werden. Im Rahmen des im Aufbau begriffenen internationalen Forschungsnetzwerkes zur Geschichte der studentischen Migration sollen die gewonnenen Erkenntnisse über vergleichende oder parallele Studien in den gesamteuropäischen Kontext eingeordnet werden.

Zwei zentrale, durch die Quellen und Methoden verknüpfte Forschungsstränge bilden die Dimensionen und Richtungen der Wanderungsprozesse sowie deren qualitative Zusammensetzung und ihre Veränderungen. Hierbei geht es zunächst um die Erfassung und Darstellung von Daten über die Zahl und die Lokalisierung der fremden Studenten in Preußen, im Deutschen Reich und in Europa, qualifiziert nach Herkunftsland, Nationalität und Konfession, Geschlecht, Hochschultyp und Fakultät. Parallel zu dieser Charakteristik von Großströmen, die ein Gesamtbild über die studentische Migration in und nach Europa ergeben soll, sind exemplarisch, anhand ausgewählter Hochschulen, Untersuchungen mit einem genaueren Erhebungsraster vorzunehmen, die Porträts typischer Gruppen ausländischer Studierender zeichnen lassen, Fragen nach ihrer sozialen Zusammensetzung, den Motiven und Zielen des Auslandsstudiums, dem Niederschlag von Auslands- bzw. Ausländerstudium im Transfer von Fachpersonal, wissenschaftlicher und professioneller Kompetenz sowie kultureller Kenntnis stellen.

Aus wissenschafts- und bildungshistorischer Sicht interessieren besonders der Platz  des Ausländer- und des Auslandsstudiums in zeitgenössischen Debatten über die Aufgaben und die Entwicklung nationaler Wissenschaftssysteme, die Rolle der „akademischen Ausländerfrage“ im seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zu beobachtenden Prozess der „Verwissenschaftlichung von Gesellschaft“ und „Politisierung der Wissenschaft“. Es wird zu untersuchen sein, wie die Gesellschaft den Zugang zu Wissen und den damit  verbundenen Karrierechancen und Privilegien organisierte und dabei in Diskussionen, Konzeptentwürfen und Politiken den Platz von fremden Bildungsmigranten unterschiedlicher Herkunft verortete. Ausgehend vom deutschen Beispiel soll der Vergleich zu parallelen Konstellationen in anderen europäischen Staaten (vor allem in Frankreich und in der Schweiz) gesucht werden . Darüber hinaus ist zu fragen, in welcher Weise und in welchen Umfang  Auslandsabsolventen zum Transfer von Erfahrungen und Modellen der Bildungs- und Wissenschaftsorganisation aus der westeüropäischen Staaten mit mit  hochentwickelten Hochschulsystemen in die Ursprungsländer der Migranten beitrugen.

Ein weiterer inhaltlicher Schwerpunkt ist die studentische Migration als Strategie sozialen Aufstieges und ihre Rolle bei der Konstituierung oder Erneuerung nationaler Eliten. Anhand ausgewählter Gruppen von Studierenden – etwa Angehöriger nationaler oder sozialer Gruppen wie Juden aus Osteuropa, deutschbaltischer oder russischer Adliger, Armenier aus dem Russischen und dem Osmanischen Reich, von Frauen, Anhängern nationaler wie politischer Bewegungen, von Studenten ausgewählter Fachrichtungen wie der Medizin oder der Landwirtschaft – werden in prosopographischen Fallstudien Lebenswege vom Entschluss zum Studium im Ausland bis zum Einstieg in eine nachfolgende berufliche oder politische Karriere verfolgt. Auch mit diesen Ansatz sind Erkenntnisse über tatsächliche Effekte des Auslandsstudiums für den interkulturellen Kompetenz- und Wissenstransfer zu gewinnen. Darüber hinaus lassen sich hier Transformations- und Konversationsprozesse von Eliten verdeutlichen.

Prozesse gegenseitiger Perzeption , der Begegnung und Auseinandersetzung mit den Fremden bzw. der Fremde innerhalb wie außerhalb des akademischen Raumes bilden einen weiteren Schwerpunkt des Interesses. Von den vorliegenden Forschungserfahrungen ausgehend sollen die Gegenseitigkeit der Perzeptionsprozesse  und ihr Dialog thematisiert werden. Dabei ist u.a. zu vergleichen, wie verschiedene Migrantengruppen im Studienland wahrgenommen wurden, welche Betrachtungsstereotype den Diskurs in unterschiedlichen Milieus prägten, wie sich differenzierte bzw. differenzierende Wahrnehmungen in öffentlichen Debatten ausdrückten und in Politik niederschlugen . In diesem Zusammenhang werden auch die Wirkung der Diskussionen um die „akademische Ausländerfrage“ auf die ausländischen Studierenden selbst, Veränderungen in deren Selbstbild, Versuche der Anpassung bzw. die Suche nach Alternativen sowie Reaktionen in ihren Herkunftsländern untersucht.